Kann man den Kröten auf dem Billdeich helfen?

Billwerder Billdeich
Aus Krötensicht: Der Billwerder Billdeich bei Dunkelheit
Rainer Beling
Ein echter Naturfreund: Rainer Beling

Der Billwerder Billdeich ist einige Kilometer lang. Sein Asphalt schlängelt sich durch die Landschaft. Viele Kröten passieren die Straße jetzt, um auf die eine oder andere Seite zu gelangen. Das wäre eigentlich relativ ungefährlich, gäbe es nicht den Kraftfahrzeugverkehr. Wir wollten mehr über die Kröten wissen und befragten den Naturexperten Rainer Beling, der in Billwerder wohnt.

 

Wir: Was passiert jetzt gerade? Am 9.3. fielen uns bei regnerischem Wetter erstmalig die Kröten auf der Straße auf.

Rainer: Jetzt sind die Erdkröten (Bufo bufo) unterwegs. Ab einer Temperatur von ca. 10 Grad kommen die aus ihren Erdlöchern, in denen sie den Winter verbracht haben. Bei Nieselregen sieht man sie am wahrscheinlichsten, bei Trockenheit warten sie eher ab. Die Kröten sind nachtaktiv, d.h. es geht erst los wenn es dunkel ist.

 

Wir: Man sieht eine Kröte auf der Straße und will sie vor einem nächsten Auto retten. Wohin bringt man sie dann: In Richtung Bille oder in Richtung der Wiesen?

Rainer: Da gibt es keine feste Regel. Die Kröten gehen immer zu ihrem Geburtsgewässer zurück, um dort zu Laichen. Dieses Gewässer kann sowohl auf der einen oder anderen Straßenseite liegen. Am besten man schaut kurz zu: In welche Richtung bewegt sich die Kröte, oder in welche Richtung zeigt ihr Kopf? In diese Richtung sollte man die Kröte bringen. Sieht man Kröten am Kantstein ist die Sache relativ klar. Kröten hüpfen eher nicht, sie kommen da nicht hoch. Also hebt man die Kröten an dieser Stelle hoch über den Gehweg. Man kann sie übrigens anfassen, das ist kein Problem.

 

Wir: Wie bewegen sich Krötenmann und Krötenfrau?

Rainer: Beide gehen zeitgleich in Richtung ihrer Gewässer. Die Paarung geschieht auf dem Weg dorthin oder am Gewässer. Das Weibchen wirft im Gewässer ihre Laichschnüre ab, das sind unter Umständen ein paar Tausend Eier. Schnell fließende Gewässer mag die Kröte nicht so. Die Bille passt also auch, sie fließt eher langsam bis gar nicht. Auch die Gräben auf den Flächen in Oberbillwerder sind für Amphibien interessant.

 

Wir: Wie lange dauert die Wanderungsperiode?

Rainer: Das können bei optimalen Wetter-Bedingungen ca. 14 Tage sein. Wenn es kalt oder trocken ist, dauert es länger. Dann unterbrechen die Kröten nochmal ihre Wanderung.

 

Wir: Wie alt werden die Kröten?

Rainer: In der Freiheit zwischen 10 bis 12 Jahre.

 

Wir: Im Herbst wandern die Tiere zurück?

Rainer: Das kann durchaus schon vorher nach dem Laichen passieren. „Erd-“Kröten sind nicht auf ein Gewässer angewiesen. Im Herbst sieht man auch vermehrt Kröten auf der Straße, aber die absolute Rush-Hour ist jetzt im Frühjahr.

 

Wir: Manchmal sieht man auch ganz viele kleine Kröten herumhüpfen...

Rainer: Das sind dann vermutlich Neulinge, die aus den Laichgewässern kommen und nun ihren eigenen Weg ins Leben gehen.

 

Wir: Ist das Erdloch zum Überwintern auch immer dasselbe?

Rainer: Nein, das kann sich verändern.

 

Wir: Gibt es noch andere Amphibien, die hier wandern?

Rainer: Im Bereich der Düne ist es die Kreuzkröte. Die ist seltener. Sie geht aber erst im April/Mai auf Tour. Sie sucht sich die in diesem Bereich vorkommenden Gewässer, die im Sommer austrocknen. Da gibt’s in der Regel keine Feinde, die einen zum Fressen gern haben. Teichmolche wandern auch, aber die sieht man eher nicht auf dem Deich.

 

Wir: Kann der Autofahrer helfen - außer Auto sein stehen zu lassen?

Rainer: Ja klar, er kann langsamer fahren. Schon bei höheren Geschwindigkeiten, das sind schon 50-60 Km/h, führen der Sog und Luft-Turbulenzen unter dem Auto dazu, dass die Lungen platzen oder reißen. Also, wenn eine Kröte nicht unter die Reifen kommt, hat sie bei geringerer Geschwindigkeit eine höhere Überlebenschance. Scheinwerferlicht blendet die Tiere, sie verharren dann länger in einer Schreck- oder Verteidigungs-Stellung. So verrinnt nochmals wertvolle Zeit, um aus dem Risikobereich zu gelangen.

 

Wir: Vielen Dank für das informative Gespräch, lieber Rainer!

Wir wissen nicht was die Statistik zu den Überlebenschancen einer Kröte sagt. Bei Kälte bewegen sich die Kröten übrigens noch langsamer. Im Zeitraum bis 20 Uhr fahren noch zahlreiche Autos über den Deich, ein Bus oder Transporter ist auch dabei. In den späteren Stunden sind Raser häufiger. Wenn eine Kröte die paar Meter Straßen-Querung unfallfrei geschafft hat, kann sie sich auf jeden Fall glücklich schätzen! Die Opfer einer Nacht kann man am nächsten Morgen bei Helligkeit anhand der Flecken und Restkörper auf der Straße noch erahnen. Und der Autofahrer hat vermutlich gar nicht bemerkt, dass es auf seiner Autofahrt über den dunklen Billwerder Billdeich kurz mal fünf Tote gab.

 

Der Bestand an Kröten, Frösche und Molche nimmt in Deutschland, inklusive Hamburg, weiter ab. Der Verlust von Lebensraum, z.B. durch die geplante Bebauung in Oberbillwerder, trägt auch zu diesem Rückgang bei. 

 

Folgende Botschaften nehmen wir mit:

  • Fußgänger und Fahrradfahrer: Ihr dürft gerne Lebensretter für Kröten sein - aber immer schön auf den Verkehr achten und dabei nicht euch und anderen Verkehrsteilnehmer gefährden!
  • Autofahrer: Fahrt bitte langsamer!

Arbeitsgemeinschaft
„Paradies Billwerder erhalten“
der Dorfgemeinschaft Billwärder an der Bille e.V.
Billwerder Billdeich 241 · 21033 Hamburg