Wenn der Boden verschwindet

Die Billwerder Kulturlandschaft ist einzigartig. Wir reden viel über das, was wir sehen können. Das nicht Sichtbare wird seltener thematisiert. Das macht dieser interessante YouTube-Beitrag

(VAMOS FALAR SOBRE SOLOS Let's Talk About Soil -Portuguese-

Dauer 5:24 Min.).

Ca. 56 Hektar Fläche werden in Deutschland pro Tag versiegelt. Oberbillwerder würde davon demnächst 2-3Tage beanspruchen. Das Nachhaltigkeitsziel der Bundesregierung möchte eigentlich auf einen Flächenverbrauch von weniger als 30 Hektar pro Tag gelangen.
Der NABU hat hierzu eine Aktion laufen, die deine Unterschrift benötigt:

150 Hektar Billwerder Boden sollen mit 1.500.000 Tonnen Sand überschüttet werden. Die Aufschüttungen werden eine Höhe  von 1,50 - 2,00 Meter haben. Die ist nur deshalb notwendig, weil ein ungünstiger Baugrund ausgesucht wurde: Feuchter Marschboden.



11.2020 - Prognose: LKW-Fahrten wie Sand am Meer

Geänderte/gekürzte Auszüge aus der Bergedorfer Zeitung 23.11.20 (Autor: Jan Schubert)

 

Oberbillwerder: Täglich 134 LKW Fahrten für den Boden

 

Eine Million Kubikmeter Sand wird es mindestens brauchen, damit der neue Stadtteil Oberbillwerder auf sicherem Untergrund stehen kann. Zur Einordnung: Das ist in etwa so viel Sand, wie alle Strände der Nordseeinsel Sylt jährlich durch Wind- und Welleneinfluss verlieren.

Die Sandmengen sollen aus dem Großraum Hamburg angefahren werden. Es wird nicht nur einen Herkunftsort geben.

Warum soviel Sand? Der Baugrund muss verbessert werden. Oberbillwerder hat weiche Böden, Kleischichten von einem bis sechs Meter Dicke. Direkt darauf kann man keine Straßen bauen. Auch für Siele und Straßenentwässerungsleitungen darunter muss der Untergrund aufgeschüttet werden.

 

Knackpunkt des Sandmanagements bleibt aber der Transportweg – und der führt in jedem Fall über Asphalt. Zwar hat die IBA Alternativen über Wasserstraßen, Schiene und sogar mit dem Anlegen eines Baggersees geprüft, doch die letzten Meter führen immer über die Straße. Es wird dabei einen signifikanten Anteil an Lkw geben. Dieser Verkehr soll über eine Baustraße vom Mittleren Landweg ins künftige Quartier führen, die gleichzeitig die Grundlage der künftigen Verkehrsanbindung Oberbillwerders nach Westen schafft. 

Bevor das erste Mal Sand ins Quartier gefahren wird, muss diese Straße fertig sein. Dafür wird ein Bauzeit von einem Jahr prognostiziert. Für den Stadtteil sind nach ersten Berechnungen 67.000 Lkw-Transporte mit je 15 Kubikmetern Sand pro Tour zu rechnen. Bei logistisch möglichen 134 Lkw-Fahrten täglich wären das 500 Arbeitstage, also gut zwei Jahre.

 

Der Weg auf die Baustelle führt für die alltägliche Kolonne idealerweise über die A 25-Anschlussstelle Allermöhe, die Hans-Duncker-Straße und den Rungedamm. Unter den vier möglichen Routen sehen die Logistikplaner hier den immensen Vorteil von kaum vorhandenen Ampeln und Kreuzungen sowie der Infrastruktur des Gewerbegebiets Allermöhe, was Staugefahr mindert. Die Alternativen Dweerlandweg (Problem: Grünflächen und Biotope entlang der Straße; Verbreiterung notwendig), Nettelnburger Landweg/Ladenbeker Furtweg (hohes Verkehrsaufkommen; Fahrten führen durch Wohngebiete und queren Schulwege) und die noch gar nicht vorhandene Anbindung von der B 5 zum Ladenbeker Furtweg gelten als wenig praktikabel.

  

Die politischen Gegner Oberbillwerders bemängeln dennoch den Weg des Sandes über den Mittleren Landweg. Jörg Froh (CDU) merkt an, dass die Planer die Schüler am Mittleren Landweg ebenso vergessen hätten wie das Wohngebiet Gleisdreieck: „Wird Oberbillwerder so erschlossen, geht da gar nichts mehr. Und es gibt Chaos am S-Bahnhalt Mittlerer Landweg.“



Jede Menge Sand auf Billwerder

-aus einem Bericht der Bergedorfer Zeitung (8.1.2019)-

Die 124 Hektar gleich nördlich vom S-Bahnhof Allermöhe müssen mit Sand oder Kies um durchschnittlich 1,2 Meter aufgeschüttet werden. „Das sind knapp 1,5 Millionen Tonnen, also rund 75.000 Lkw-Ladungen“, folgert Plambeck in einem Schreiben, das an alle Fraktionen in Bezirksversammlung und Bürgerschaft gegangen ist. „Bei 140 Lkw täglich an fünf Arbeitstagen dauert das rund 19 Monate. Und da sind die Zeiten für die Herrichtung der Baustraßen sowie die eigentlichen Hochbauarbeiten noch gar nicht mit eingerechnet“, ist Gerd Plambeck entsetzt. „Alles zusammen kostet etliche Millionen Euro, die in den Rechnungen für Oberbillwerder bisher gar nicht auftauchen – und am Ende vom Steuerzahler beglichen werden müssen.“

 

-Kosten je Tonne bis zu 10 Euro

Experten werten Plambecks Rechnung sogar als zu optimistisch, wie die Bergedorfer Zeitung auf Nachfrage erfuhr. So wird für Baugrund wegen seiner besonderen Verdichtung fast das Doppelte an Material gebraucht – konkret 2,6 Millionen Tonnen, die bei den 140 werktäglichen Lkw-Fahrten also gut drei Jahre Anlieferzeit brauchen. Die Kosten je Tonne können dabei zwischen 6 und deutlich über 10 Euro liegen – je nachdem, wie weit der Weg vom Abbauort nach Oberbillwerder ist.

 

Hinzu kommen Verteilung, Verdichtung und eventuell Hunderttausende Tonnen Sand zusätzlich, damit auch der Untergrund für die späteren Häuser ausreichend gepresst, also „aufgelastet“ wird. Das lässt die Kosten leicht auf 30 Millionen Euro, wahrscheinlich sogar darüber wachsen.

Oberbillwerder Sand
So soll Landschaft in Oberbillwerder für immer versiegelt werden.

„Oberbillwerder hat den doppelten Sandbedarf des riesigen DHL-Logistikzentrums, das gerade an der Autobahn-Ausfahrt Harburg der A 1 entsteht“, sagt Andreas Buhk von der RBS Kiesgewinnung GmbH in Billwerder, die Teil der Liefergemeinschaft waren. „Dort haben wir für die Auflast 900.000 Tonnen Sand zusätzlich gebracht und später wieder abgefahren.“

  

- IBA hält Zahlen für übertrieben

Für Oberbillwerder hält die zuständige städtische IBA alle genannten Zahlen für übertrieben: „Wegen der umfangreichen Grün-, Frei- und Wasserflächen des Stadtteils werden nur 56 Prozent der 124 Hektar aufgehöht, das sind 730.000 Kubikmeter“, sagt Sprecher Stefan Laetsch. Die Kosten wären also deutlich unter den 30 Millionen Euro. „Sie werden derzeit gutachterlich kalkuliert – und komplett von unserer Projektentwicklungsgesellschaft IPEG übernommen“. Woher und wie das Material nach Oberbillwerder kommt, werde noch in einem „Sandmanagement-Konzept“ erarbeitet.



Mutig: Bauen auf Marschboden

Könnte so aussehen: "Ur-Suppe" in Hammerbrook - Moorboden mit Holz-Einlagerung
Könnte so aussehen: "Ur-Suppe" in Hammerbrook - Moorboden mit Holz-Einlagerung

Dem Newsletter "Neues aus Oberbillwerder Januar 2020" ist zu entnehmen, dass eine einfache Verdichtung durch Sandauffahren in Oberbillwerder nicht ausreichen wird (Auszug):

Im vorangegangenen Masterplan für Oberbillwerder erstellten Andreas Kosack und sein Team (Grundbauingenieure Steinfeld und Partner) bereits ein Konzept zum Erdbau und zur Baugrundverbesserung. „Darauf können wir jetzt aufbauen und ermitteln, wie wir den Umfang von erforderlichem Bodenaushub bzw. Bodenaustausch im Sinne von Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit minimieren können. Hier finden wir belastungsempfindliche Böden, wie Torf und hohe Grundwasserstände. Um darauf einen idealen Baugrund herzustellen, brauchen wir schluffarmen Sand, der hoffentlich aus lokalen Gruben geliefert werden kann und daher keine weiten Wege zurücklegen muss. Schon bei unserer Grundlagen-ermittlung für Oberbillwerder berücksichtigten wir die langfristigen Kriechsetzungen von Torfboden, die zukünftig auf ein geringes Maß zu reduzieren sind.“

 

Was ist Schluff? Zur Einordnung hier etwas "Erd-Kunde":
Sand= Körner mit Durchmesser von 0,063 mm bis 2 mm

Schluff= Körner 0,002 mm bis 0,063 mm

Ton= Partikel mit Durchmesser kleiner 0,002 mm

Lehm= Gemisch von Sand, Schluff, Ton ungefähr gleiche Anteile.


Sand: kostbar und immer knapper

Der Marschboden in Oberbillwerder ist ein denkbar ungünstiger Bau-Untergrund. Um dieses Manko auszugleichen, muss sehr viel Sand aufgeschüttet werden. Das ist ein sehr hoher Energieaufwand. Das ist unter dem Gesichtspunkt Klimaschutz absolut kontraproduktiv. Das verursacht sehr hohe Kosten.

Ebenso ist unklar: Was macht das eigentlich mit der Fläche und dem Untergrund, wenn diese schwere Last darauf liegt?

Informationen zum Thema Sand bietet z. B. 21Grad 

oder dieses Video von Arte (11:57 / 2018):


Endlich mal eine Expertin für Sand ohne weißen Bart, starren Blick und komische Zipfelmütze.  Kiran Pereira ist unabhängige Forscherin und Autorin und beschäftigt sich seit über zehn Jahren mit der internationalen Sandkrise. Sie erklärt Jan Böhmermann, wie wenig wir eigentlich über Sand wissen und warum. (April 2021)


Der Hamburger Foto-Reporter Christian Faesecke berichtet von ausbeuterischem Sandabbau in Indien.

Boberger Dünen
Auch die Boberger Dünen waren früher deutlich höher... Der Sand wurde für Aufschüttungen im Hamburger Stadtgebiet und dem Bau von Eisenbahnanlagen zwischen Hamburg und Bergedorf genutzt.

Sand liegt nicht nur leblos am Strand rum und klebt noch 6 Monate nach dem Malle-Urlaub in den Aquaschuhen: Sand ist überall! In Autos, Häusern, Seife, Computern und im Reibekäse – und damit der wohl am meisten unterschätzte Rohstoff unserer Zeit. Jeder glaubt, es gäbe ihn wie Sand am Meer, dabei geht unserer Erde der Sand aus! (April 2021)


SAND WARS - Doku-Film aus 2013 (Trailer): Sand ist heutzutage Bestandteil zahlreicher Alltagsprodukte, häufiger noch als Erdöl. Wir finden Sand in Nahrungsmitteln, Kosmetika, Putzmitteln, aber auch in elektronischen Produkten wie Computern, Handys und Kreditkarten. Doch der Vorrat geht langsam zur Neige. Gezeigt wird die Sandgewinnung rund um den Globus. Der Dokumentarfilm erläutert die Zusammenhänge und Hintergründe einer verheerenden Wertschöpfungskette.



Arbeitsgemeinschaft
„Paradies Billwerder erhalten“
der Dorfgemeinschaft Billwärder an der Bille e.V.
Billwerder Billdeich 241 · 21033 Hamburg